Geistliches Wort Herbst 2015

Liebe Gemeinde,

 

Flüchtlinge, Flüchtlinge und nochmals Flüchtlinge. Kein anderes Thema beschäftigt unsere Medien seit Monaten so sehr wie dieses. Über kein anders Thema wird landauf landab so viel diskutiert, geredet und geschrieben. Jetzt also auch noch ich mit dieser Predigt.

 

Warum? Nun, zum Einen, weil Sie von ihrem Pfarrer erwarten können, dass er sich auch zu einem „brisanten“ Problem unserer Zeit äußert und seine Meinung dazu nicht hinter diplomatischen Floskeln versteckt. Zum anderen weil ich – wie wir alle – ja auch Betroffener bin, der sich die gleichen Fragen stellt wie Sie: Was können wir tun, um diesen Menschen so zu helfen, wie es ihre Situation erfordert? Was kann unser reiches und wohlhabendes Land in dieser Hinsicht alles leisten? Aber auch: Wie können wir zum Einen offen, gastfreundlich und helfend gegenüber denen sein, die so viel Schlimmes erlebt haben, zum anderen aber auch die Ängste derer ernst nehmen, die sich durch den riesigen Zustrom an Menschen verunsichert oder sogar bedroht fühlen? Wie kann in unserem Land eine tiefgreifende Spaltung verhindert werden zwischen denen, die zuversichtlich auf Hilfesuchende zugehen und denen, die dies aus den unterschiedlichsten Gründen nicht können oder wollen?

 

Als Geistlicher sucht man in solchen Situationen ganz gerne auch mal Rat in der Bibel. Und diese ist in ihrer Aussage ziemlich eindeutig: die Geschichte unseres Gottes ist – bis auf wenige Ausnahmen - eine Geschichte der Solidarität mit Menschen, die auf dem Wege sind. Die Geschichte der Menschheit fängt in der Bibel schon mit einer Vertreibung an: Adam und Eva müssen das Paradies verlassen. Aber nicht ohne die Zusage Gottes, dass er sie nach wie vor begleiten und beschützen wird. Kain muss nach dem Mord an seinem Bruder Abel fliehen – aber Gott sagt auch ihm seinen Beistand zu. So geht es weiter: Noah und die Seinen verlieren in der Sintflut ihr Zuhause, werden aber auf ihrem Weg durch die Wassermassen von Gott beschützt. Abraham macht sich mit seiner Frau auf den Weg, nachdem Gott ihm gesagt hat: Geh fort aus dem Land deines Vaters, ich will dir ein neues Zuhause schenken. Und schließlich solidarisiert sich Gott mit einem ganzen Volk voller unterdrückter, misshandelter, entrechteter Menschen und befreit sie aus der Sklaverei. Nicht nur das: Er rettet sie am Schilfmeer vor den mordenden Truppen des Pharao, versorgt sie in der Wüste mit dem Lebensnotwendigen. Und schließlich führt er sie in ein Land, in dem sie zukünftig als freie Menschen sicher leben dürfen. Diejenigen, die schon vorher dort gelebt haben, geben dabei leider eine sehr schlechte Figur ab: Alle Versuche, die Zuwanderung der Israeliten zu verhindern, scheitern. Der von den amtierenden Politikern eilends herbeigerufene Zauberer Bileam, der eigentlich das ganze heranziehende Volk verfluchen sollte, muss durch Gottes Willen stattdessen Segen über sie aussprechen. Und als die Bewohner von Jericho einfach ihre Tore dichtmachen und sich in ihrer Stadt verschanzen, lässt Gott kurzerhand die Mauern einstürzen - und das jubelnde Volk Israel kann einziehen.

 

Auch die weitere Geschichte Gottes mit den Menschen steht unter den gleichen Vorzeichen: Sei es die Ausländerin Ruth, die nach dem Tod ihres Mannes in Israel ein neues Zuhause findet, sei es Maria aus Magdala, die durch das Mitgehen mit Jesus einen neuen Lebenssinn erhält. Seien es die Fischer vom See Genezareth, denen Jesus sagt: „Kommt und folgt mir nach“ – oder Jesus selbst, der schon als kleines Kind mit dem Leben bedroht war und nach Ägypten fliehen musste. Immer wieder erzählt die Bibel von Menschen, die sich voller Vertrauen in Gott auf den Weg machen – um ihren alten, oft lebensbedrohlichen oder menschenunwürdige Verhältnissen zu entkommen, um ein neues, besseres, Leben zu finden.

 

Auf unsere aktuelle Situation gedeutet ist es also absolut wahrscheinlich, dass Gott seine Solidarität auch heute denen schenkt, die aus unerträglichen Verhältnissen fliehen und nun einen neuen, besseren Ort zum Leben suchen. Und das wir, die wir hier zumeist in guten, gesicherten Verhältnissen leben, uns nicht so verhalten sollten, wie die Bürger der Stadt Jericho. „Wer einen Hungrigen sattmacht, der macht mich satt. Und wer einem Frierenden Kleidung gibt, der gibt sie mir“ – so eindeutig formuliert Jesus den Anspruch an uns.

 

Aber hilft uns das auch in unseren Sorgen und Ängsten? In der Unsicherheit, wie viel unser Land mit seinen Bewohnern tatsächlich an Hilfsbedürftigen verkraften kann? In unserem Bemühen, auch die zur Solidarität und zur Hilfe zu ermutigen, die skeptisch oder sogar ablehnend auf die Ströme von Bedürftigen blicken? Wo findet sich in unserer Bibel ein Wort, das uns Mut macht, das Gute zu tun – auch wenn wir dabei einen Teil unseres eigenen Wohlstandes, unserer eigenen Sicherheit verlieren könnten?

 

Mir ist dazu das bekannte Gleichnis vom barmherzigen Samariter eingefallen. Sie erinnern sich bestimmt alle: „Wer ist denn mein Nächster?“ wird Jesus gefragt – übrigens von einem, der keine gute Meinung von ihm hatte und der wohl gar nicht erwartete, dass Jesus ihm eine brauchbare Antwort geben kann. Jesus erzählt daraufhin die Geschichte von dem Kaufmann, der von Räubern überfallen und halbtot am Straßenrand liegen gelassen wird. Drei Männer gehen später an dem Verletzten vorbei. Die beiden ersten sind gut angesehene Stützen der Gesellschaft: Ein Priester – man könnte heute auch sagen: ein Pfarrer. Und ein Levit, was heute so viel wäre wie ein Kirchenältester oder zumindest Kirchendiener. Fromme Männer, die ihre Heilige Schrift gut kannten – und die dennoch beim Anblick des Verletzten schnell das Weite gesucht haben. Warum – das erklärt Jesus nicht. Möglicherweise war aber auch bei ihnen Angst die Triebfeder, nicht zu helfen. Angst davor, was zu leistende Hilfe für einen selbst bedeuten könnte. Abgesehen von dem Zeitaufwand, den Mühen und den Kosten, die so eine Verletztenversorgung mit sich bringen würde – die Räuber könnten ja auch noch in der Nähe sein. Am Ende begibt man sich sogar in Gefahr für das eigene Leben. Also: nach kurzem, spontanem Abwägen beschließen beide unabhängig voneinander, sich lieber nicht in dieses Problem hineinziehen zu lassen. Auch wenn uns diese Haltung bestimmt verwerflich vorkommt – wir kennen sie alle von uns selber. Denn es ist ganz normal und selbst-verständlich, in einer solchen Situation Angst zu haben. Unsicherheit in sich zu spüren, wie man sich jetzt wohl am sinnvollsten verhält. Die wenigsten von uns sind spontane Heldinnen und Helden, denen das eigene Wohl völlig egal ist.

 

War vielleicht der Dritte, der kam, der Samariter so einer? Ein selbstloser Helfer, dem das eigene Wohl, die eigene Sicherheit egal war? Das glaube ich nicht. Und das Gleichnis gibt uns darüber keine Auskunft. Aber: hätte Jesus den Samariter als Helden angelegt, der in einer solchen Situation die Ängste und Unsicherheiten von uns nicht teilt oder versteht – wie sollte er dann ein Vorbild für uns sein? Ich glaube, dass Jesus uns mit ihm vielmehr sagen wollte: Seht, da ist einer, der ist noch nicht einmal besonders angesehen in Israel. Aber er gibt – im Gegensatz zu den ersten beiden – nicht seiner Angst den Vorrang, sondern dem Gefühl, dass ein anderer seine Hilfe braucht. Und so wird die Frage „Wer ist denn mein Nächster“ für ihn plötzlich eine ganz einfache: „Der, der mich jetzt gerade braucht.“ Der Samariter wägt nicht ab, versucht nicht, das eigene Risiko zu kalkulieren; fragt nicht, wie sinnvoll sein Handeln jetzt ist. Er handelt spontan – wie die anderen Beiden auch – aber eben mit einem völlig anderen Ausgang. Er handelt spontan - und gibt seinem Gefühl Vorrang, jetzt für einen völlig Fremden, aber dringend Hilfsbedürftigen da sein zu müssen. Wieso kann der Samariter das – wo es doch die anderen beiden nicht konnten? Auch das verrät uns Jesus nicht. Wir können nur vermuten: Vielleicht hatte er einfach so viel Vertrauen in die Macht des Guten, dass er sich nicht als allererstes um sein wohl, um seine Sicherheit sorgen musste. Vielleicht konnte er in dem entscheidenden Moment einfach spontan Helfender sein – weil er ohne Nachzudenken darauf vertraut hat, dass auch ihm geholfen wird, wenn es nötig ist. Von Menschen, die so handeln wie er selbst - aber auch von dem Gott, von dem uns die Bibel sagt: „Er ist mein guter Hirte. Er führt und beschützt mich auf allen meinen Wegen.“

 

Ich möchte auch uns heute dazu ermutigen, diesem Gott zu vertrauen. So zu vertrauen, dass auch wir nicht als erstes unsere Angst, unsere Sorge um uns und unsere kleine heile Welt im Blick haben, sondern spontan in der Lage sind, dort zu helfen, wo es jetzt aktuelle dringend nötig ist. „Wer ist denn mein Nächster“ – auch für uns, die wir uns Christen nennen, gibt es darauf nur eine sinnvolle Antwort: „Der, der mich gerade jetzt braucht.“

 

Ich weiß, dass diese Haltung keine Lösung der allgemeine Flüchtlingskrise darstellt und schon gar keine Lösung der vielen Probleme, die unsere Welt zur Zeit hat. Aber es ist der gute Weg, den wir als Christen gehen können, wenn wir unserem Gott wirklich vertrauen. Vertrauen, dass er unsere Wege mitgeht – auch wenn wir dabei unsicher, skeptisch oder ängstlich sind. Dass er uns dorthin führt, wo wir für andere eine Hilfe und Unterstützung sein sollen. Und dass er uns genug Mut und Kraft gibt, auch die schweren Wege mit anderen mitzugehen. Im Vertrauen auf seine Begleitung.

 

Eine gesegnete Herbst- und Winterzeit

wünscht Ihnen

Ihr Gemeindepfarrer Hansjörg Jörger

26.10.2015

 

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