Evangelische Immanuel-Pfingstberg-Gemeinde

Geistliches Wort

Predigt zu 2. Korinther 12, 1-10

Was wirklich zählt

1 O Ihr zwingt mich dazu, daß ich mein Selbstlob noch weiter treibe. Zwar hat niemand einen Nutzen davon; trotzdem will ich jetzt von den Visionen und Offenbarungen spre­chen, die vom Herrn* kommen.
2 Ich kenne einen mit Christus verbundenen Menschen, der vor vierzehn Jahren in den drit­ten Himmel* versetzt wurde. Ich bin nicht sicher, ob er körperlich dort war oder nur im Geist; das weiß nur Gott.
3~4 Jedenfalls weiß ich, daß diese Person ins Paradies* versetzt wurde, ob körperlich oder nur im Geist, das weiß nur Gott. Dort hörte sie geheimnisvolle Worte, die kein Mensch aussprechen kann.
5 Im Blick auf diese Person will ich prahlen. Im Blick auf mich selbst prahle ich nur mit mei­ner Schwäche.
6 Wollte ich aber für mich selbst damit prahlen, so wäre das kein Anzeichen, daß ich den Verstand verloren hätte; ich würde ja die reine Wahrheit sagen. Trotzdem verzichte ich darauf; denn jeder soll mich nach dem beurtei­len, was er an mir sieht und mich reden hört, und nicht höher von mir denken.
7 Ich habe unbeschreibliche Dinge geschaut. Aber damit ich mir nichts darauf einbilde, hat Gott mir einen »Stachel ins Fleisch« gegeben: Ein Engel des Satans darf mich mit Fäusten schla­gen, damit ich nicht überheblich werde.
8 Dreimal habe ich zum Herrn gebetet, daß der Satansengel von mir abläßt.
9 Aber der Herr hat zu mir gesagt: »Du brauchst nicht mehr als meine Gnade. Je schwächer du bist, desto stär­ker erweist sich an dir meine Kraft.« Jetzt trage ich meine Schwäche gern, ja, ich bin stolz darauf, weil dann Christus seine Kraft an mir erweisen kann.
10 Darum freue ich mich über meine Schwächen, über Mißhandlungen, Notlagen, Verfolgungen und Schwierigkeiten. Denn gerade wenn ich schwach bin, dann bin ich stark.

Liebe Gemeinde,

Er hatte das Diplom in der Tasche. Die Prüfung war vorbei. Seine Freundin wartete zuhause, um mit ihm den Abschluss zu feiern. Es gab auch schon einen Arbeitgeber, der sehr an ihm interessiert war. Bald würden sie in eine größere Wohnung ziehen, bald würden sie an Kinder denken können. Alles schien gut zu werden, sie waren auf dem besten Wege in ein zufriedenes, glückliches Privatleben. Wenn da nicht diese Ölspur gewesen wäre. Nachts, auf kurviger Strasse. Und dieser Baum, an dem sein Auto schließlich aufprallte. Als ihn die Feuerwehrleute endlich herausgeschweißt hatten, spürte er sein Beine nicht mehr. Auch später, im Krankenhaus schüttelten die Ärzte den Kopf. Querschnittgelähmt von der Hüfte an abwärts. Sein Leben lang. Es war, als hätte jemand mit einem Moment alle Träume von Glück und Zufriedenheit ausgelöscht. Sein interessierter Arbeitgeber sagt ab. Seine Freundin hielt noch in halbes Jahr durch, dann ertrug sie die Belastung nicht mehr und trenne sich von ihm. Er stand vor dem Nichts – unverschuldet. Wie hatte es bloß so kommen können?

Ein andere Geschichte: Wie sehr hatten sie sich auf den gemeinsamen Ruhestand gefreut. Beide hatten sie ihr Leben lang gearbeitet. Sie war mit 61 in Rente gegangen. Er wollte noch bis 64 durchhalten. Zwar wirkte er oft müde und gereizt, klagte über den zunehmenden Streß im Büro und über die Jungen, die immer so eifrig und so dynamisch waren, die immer nach oben strebten auf bessere Positionen – die auch schon einen Blick auf seinen Stuhl geworfen hatten. Doch er war zäh. Und er konnte noch mithalten. Bis dann die Hustenanfälle immer häufiger wurden. Und der Schwindel. Und schließlich ging er doch zum Arzt, weil er es auch vor ihr nicht mehr verbergen konnte. Der Arzt bestätigte seine schlimmsten Befürchtungen: er war krank. Viel kränker, als er selbst gedacht hatte. Es folgten sehr rasch zwei Operationen. Und dann – nach einer gewissen Zeit- die erste Chemotherapie. Niemand konnte ihm sagen, wie lange er noch leben würde. Und die vielen Wünsche und Träume: was sie beide noch alles sehen, tun und erleben wollten –die wurden sehr klein. Immer, wenn er daran dachte, wurde er verbittert. War das Leben nicht ungerecht? Nun, so kurz vor dem Ziel hatte man ihm alle guten Perspektiven gestohlen. Wie hatte es bloß so kommen können?

Nur zwei Beispiele von Träumen, die wie Seifenblasen zerplatzten. Von Leben, die gelebt wurden in der Hoffnung darauf, dass nichts schlimmes, unerwartetes passiert. Dass tatsächlich alles gut geht. Dass die Sorgen überschaubar, die Angst klein und die Zuversicht groß bleibt.

Aber wir wissen alle, dass es darauf keine Garantie gibt. Wir wissen alle, wie zerbrechlich, wie angreifbar das menschliche Glück ist. Ständig ist auch unsere eigene kleine heile Welt bedroht. Man muss nur morgens noch halbwegs verschlafen aber zufrieden aus dem Bett steigen und in die Zeitung blicken. Da liest man jeden Tag Neues über Verbrechen, Unglücke und vielerlei Probleme; über die schwierige Regierungsbildung in unserem Land, über die ungewisse Zukunft Europas. Geht man dann über Europa hinaus wird es erst recht krisenhaft und unsicher. Der Nahe Osten bleibt ein Pulverfass; Länder wie Syrien oder Afghanistan leiden weiterhin unter Gewalt und Terror. Und Nordkorea bastelt weiter an seinen Atomraketen. Russland und China verhalten sich wenig vertrauenserweckend und die USA sind inzwischen auch kein Granat für Sicherheit mehr. Dabei wollen wir noch gar nicht von Klimawandel und Überbevölkerung reden, von der immer größer werden Diskrepanz zwischen armen und reichen Ländern, von Flüchtlingswellen, Kriegsgebieten und Hungerzonen.

Unsere Welt macht es uns auch im Jahr 2018 schwer, so etwas wie Sicherheit, Zufriedenheit und Glück überhaupt noch zu empfinden. Und selbst wenn – politisch gesehen - um uns herum alles friedlich und harmonisch wäre. So gäbe es immer noch genug Unheil, das unvermittelt über uns hereinbrechen kann: schwere Krankheiten, mit denen wir plötzlich konfrontiert sind. Ein Unfall oder Unglück, das uns oder einen Nahestehenden unvermittelt trifft. Die nächste Rationalisierungswelle im Betrieb, die uns diesmal auch erwischt. Streit und Unfrieden mit dem Partner, mit Verwandten oder Nachbarn; die eigenen Kinder, die über ihre schulische Belastung klagen und zunehmend gereizter werden. Wir wissen es alle. Das Gefühl eines eigenen kleinen Glücks ist etwas wertvolles, aber auch ganz zerbrechliches. Tatsächlich einer Seifenblase vergleichbar, von der man nie weiß, wann sie platzt. Und wenn unsere eigene, kleine heile Welt nicht mehr Bestand hat? Wenn die Wirklichkeit uns einholt, manchmal grausam und schmerzhaft. Wie fassen wir dann neuen Mut. Wie geht es weiter, auch wenn keine Sonne mehr scheint, wenn alles düster und grau wirkt – die Gegenwart und auch die absehbare Zukunft. Wie fassen wir neuen Lebensmut nach einer nieder-schmetternden Nachricht. Was richtet uns auf, wenn wir tatsächlich den Boden unter den Füssen verlieren?

Damals, als unser Predigttext entstand, hat man sich diese Frage in Korinth auch gestellt. In der christlichen Gemeinde. Und damals gab es zwei verschiedene Antworten darauf. Die erste kam von einer Gruppe, die nach Korinth gekommen war und sich selbst „die Apostel“ nannten. Damit beanspruchten sie höchste Autorität in der Christenheit. Apostel- das waren ursprünglich nur die 12 Jünger Jesu gewesen. Diese selbsternannten Apostel waren sehr selbstbewusst. Sie hielten sich dem einfachen Gläubigen gegenüber für haushoch überlegen. Und sie waren der Meinung: Was geht uns diese Welt, dieses Leben, überhaupt noch an? Es gibt doch – bald schon – ein viel besseres Leben bei Gott im Himmel. Ja, sie behaupteten sogar, dieses neue Leben schon zu kennen. Sie erzählten den staunenden Korinthern, dass Gott ihnen das Paradies schon gezeigt hätte. Dass sie wüssten, wie es dort wäre. Und dass selbstverständlich sie als erste dorthin kämen, weil sie die Besten und Klügsten und Weitesten im Glauben wären. Die Korinther schien dieses Auftreten sehr zu beeindrucken. Sie vernachlässigten zunehmend ihre irdischen Belange, gingen ihre menschlichen Probleme gar nicht mehr an, versuchten nicht, ihre Welt zu verbessern. Sie strebten – ganz diesen Aposteln nacheifernd – nur noch danach, das irdische Dasein hinter sich zu lassen und sich ganz auf das jenseitige, andere Leben einzustellen.

Dies rief Paulus auf den Plan. Er war es, der die Gemeinde in Korinth ursprünglich gegründet hatte. Und er hatte nie davon gesprochen, das er anderen im Glauben voraus sei. Er war zurückhaltend gewesen mit seinen eigenen Erfahrungen, die er mit Gott und Jesus gemacht hatte. Er wollte die Korinther lehren- das ja, aber auf einer Eben mit ihnen – als Mensch unter Menschen. Und er wollte sie dazu bringen, ihre Glauben in dieser Welt, in diesem Leben zur Wirkung zu bringen. Er wollte sie nicht zu Menschen machen, die nur noch auf ein gutes Jenseits hoffen. Deshalb muss ihn der Erfolg dieser sogenannten Apostel sehr getroffen haben. Und deshalb ist sein Brief an die Korinther ein sehr emotionaler, sehr aufgewühlter Brief. Paulus kämpft darum, ihr Vertrauen zurück zu bekommen. Weil es ihm um etwas ganz anderes geht als um das Warten auf ein jenseitiges Paradies. Ihm geht es um diese Welt, um das irdische Leben. Hier soll der Glaube zur Wirkung kommen. Hier sollen sich die Dinge zum Guten verändern. Dies schreibt er auch in den Zeilen unsers Predigttextes, die ich nun vorlesen möchte:

1 O Ihr zwingt mich dazu, daß ich mein Selbstlob noch weiter treibe. Zwar hat niemand einen Nutzen davon; trotzdem will ich jetzt von den Visionen und Offenbarungen spre­chen, die vom Herrn* kommen.
2 Ich kenne einen mit Christus verbundenen Menschen, der vor vierzehn Jahren in den drit­ten Himmel* versetzt wurde. Ich bin nicht sicher, ob er körperlich dort war oder nur im Geist; das weiß nur Gott.
3~4 Jedenfalls weiß ich, daß diese Person ins Paradies* versetzt wurde, ob körperlich oder nur im Geist, das weiß nur Gott. Dort hörte sie geheimnisvolle Worte, die kein Mensch aussprechen kann.
5 Im Blick auf diese Person will ich prahlen. Im Blick auf mich selbst prahle ich nur mit mei­ner Schwäche.
6 Wollte ich aber für mich selbst damit prahlen, so wäre das kein Anzeichen, daß ich den Verstand verloren hätte; ich würde ja die reine Wahrheit sagen. Trotzdem verzichte ich darauf; denn jeder soll mich nach dem beurtei­len, was er an mir sieht und mich reden hört, und nicht höher von mir denken.
7 Ich habe unbeschreibliche Dinge geschaut. Aber damit ich mir nichts darauf einbilde, hat Gott mir einen »Stachel ins Fleisch« gegeben: Ein Engel des Satans darf mich mit Fäusten schla­gen, damit ich nicht überheblich werde.
8 Dreimal habe ich zum Herrn gebetet, daß der Satansengel von mir abläßt.
9 Aber der Herr hat zu mir gesagt: »Du brauchst nicht mehr als meine Gnade. Je schwächer du bist, desto stär­ker erweist sich an dir meine Kraft.« Jetzt trage ich meine Schwäche gern, ja, ich bin stolz darauf, weil dann Christus seine Kraft an mir erweisen kann.
10 Darum freue ich mich über meine Schwächen, über Mißhandlungen, Notlagen, Verfolgungen und Schwierigkeiten. Denn gerade wenn ich schwach bin, dann bin ich stark.

Ich finde, was Paulus hier schreibt, ist bemerkenswert. Er versucht nicht, die konkurrierenden Apostel zu überbieten. Er sagt zwar von sich, dass auch er schon bedeutende Erfahrungen mit Gott gemacht hat, ja, dass auch ihm wohl schon außergewöhnliche Einblicke in himmlische Dinge gewährt wurden. Aber gleichzeitig sagt er: Das ist nicht wichtig. Darum geht es nicht.

Mein Glaube ist kein Instrument, mit dem ich mich über andere erhebe, mit dem ich an anderen vorbeiziehe, mich ihnen überlegen mache. Mein Glaube hilft mir, mein Leben so zu leben, wie Gott es will: Angefochten, und dennoch zuversichtlich. Immer wieder zweifelnd – und doch nicht den Mut verlierend, immer wieder in Sorgen und Angst, und doch in einem grundlegenden vertrauen zu Gott gehalten. So, sagt Paulus, macht mich mein Glaube wirklich stark. Nicht, dass er mich von der Erde abheben lässt – sondern dass er mir hilft, in dieser Welt zu bestehen. Und Paulus weiß, wovon er schreibt. Er hat eine schlimme, unheimliche Krankheit. Wir würden sie heute vielleicht Epilepsie nennen. Aber für Paulus muss sie damals wie ein Fluch gewesen sein, den Gott auf ihn gelegt hat. Und obwohl er immer wieder zu Gott um Befreiung davon betet, lässt Gott ihn diese Krankheit weiter tragen.

Für andere vielleicht ein Grund, das Vertrauen in Gott zu verlieren. Für Paulus aber ein Hinweis Gottes darauf, was der Glaube wirklich soll: Nicht uns diese Welt vergessen lassen und in Träume flüchten. Nein, der Glaube an Jesus Christus soll uns den Mut und die Kraft geben, in dieser Welt zu bestehen. Mit allen Sorgen, Ängsten und Bedrohungen, denen wir doch so gerne entgehen wollen und die uns doch immer wieder drohen einzuholen. Dieser Glaube soll uns das Vertrauen in einen Gott schenken, der uns nicht den Himmel auf Erden schenkt – aber das Vertrauen, dass er in allen Belastungen, in allen Bedrohungen unerschütterlich an unserer Seite steht. Der uns Verspricht, dass seine Hand uns nicht losläst. Egal, über welchen Abgrund wir auch gelangen müssen. Weil dieser Gott selbst im Kreuzestod alles Leid, alle Angst und alle Verzweiflung erlebt und erlitten hat. Und weil er in der Auferstehung Jesu gezeigt hat, dass keine noch so böse Macht über seine Liebe triumphieren kann.

Paulus hat dies erfahren. Und in seinem eigenen Handeln und Reden immer wieder bekannt. Auch gegenüber den Korinthern, die drauf und dran waren, für Träume vom Jenseits ihr irdisches Dasein verkommen zu lassen. Und wir? Was sagt uns dieser heutige Predigttext. In einer Gegenwart, in der auch wir ständig das Gefühl haben, unsere kleine heile Welt in einer Seifenblase bewahren zu müssen? Macht er auch uns Mut, Leid durchzustehen, Angst auszuhalten, gegen allen Hass und alle Feindschaft die Welt zum Guten zu verändern?

Wie wäre es denn, wenn wir eines Morgens, auf der ersten Seite der Zeitung, fett gedruckt und in großen Lettern lesen würden: „Gott sagt zu dir: Du brauchst nicht mehr als meine Gnade. Je schwächer du bist, desto stärker erweist sich an dir meine Kraft.“

Und der Friede Gottes, der höher ist als alle menschliche Vernunft – der bewahre unsere Herzen und Sinne in Jesus Christus – Amen.